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Warum wird russisches Uran für Atomkraftwerke nicht diskutiert?


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    Die EU-Mitgliedstaaten sollen sich befreien von Kohle, Öl und am besten auch Gas aus Russland. Ein Thema bleibt dabei auffällig unter dem Radar: Uran für Atomkraftwerke.

    Die französische Sprache ist dazu angelegt, ihren Sprechern möglichst nie die Blöße zu geben. Auch deshalb ist sie unter Diplomaten seit jeher sehr beliebt. Umso bemerkenswerter – und interessanter – ist es, wenn man unverhohlen abgewimmelt wird. In etwa so: „In den nächsten Tagen wird eine neue Regierung ernannt. Bis dahin sind wir nicht in der Lage, ihre Fragen zu beantworten. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ Das war am Dienstag dieser Woche die Reaktion aus dem französischen Wirtschaftsministerium auf ein paar Fragen der WirtschaftsWoche.

    Hockt Minister Bruno Le Maire auf dem Schleudersitz? Oder bereitet er sich auf einen anderen Posten vor? Eine Regierungsumbildung nach der Wiederwahl von Staatschef Emmanuel Macron war erwartet worden. Warum aber sollte sie als Begründung herhalten müssen, die Antworten auf zwei an sich simple Fragen schuldig zu bleiben? Wie viel aufbereitetes Uran importiert Frankreich für seine Atomkraftwerke aus Russland? Und in welcher Beziehung steht der russische Staatskonzern Rosatom zu dem französischen Turbinenhersteller GEAST?

    In den vergangenen Wochen konnte Wirtschaftsminister Le Maire kaum häufig genug auf einen europäischen Einfuhrstopp für russisches Öl pochen und zögernde Länder wenig verklausuliert kritisieren. Auch der Abhängigkeit Deutschlands von russischem Gas halten französische Politiker gern entgegen, dass Frankreich Dank seiner Atomkraftwerke freier in seinen Entscheidungen sei. Nur steht Uran eben auch nicht auf den Sanktionslisten, mit denen die EU-Kommission ein Einlenken der russischen Führung im Ukraine-Krieg zu erzwingen versucht. Es ist nicht so, dass einzig Finnland und die osteuropäischen EU-Mitgliedsländer Bulgarien, Tschechien, Slowakei und Ungarn ohne russisches Uran nicht auskommen könnten. Auch Frankreich pflegt enge Kontakte zu Rosatom – so eng, dass sogar noch jüngst über eine Beteiligung der Russen an dem Reaktor-Turbinenhersteller GEAST gesprochen wurde.

    Als Macron Anfang Februar vor riesigen Turbinen im ostfranzösischen Belfort zweistellige Milliardeninvestitionen in den kurzfristigen Neubau von sechs Druckwasserreaktoren sowie Machbarkeitsstudien für weitere acht ankündigte, war dies auch Gelegenheit für einen Industriedeal: Der französische Energieversorger und Kernkraftwerksbetreiber Electricité de France (EdF) schloss mit dem US-Unternehmen General Electric ein Abkommen über den Kauf der Sparte GEAST. Unter dem feenhaften Namen Arabelle werden dort Turbinen nicht nur für französische Atomkraftwerke gebaut. GEAST entstand zudem 2014 aus der verunglückten Übernahme des Energie-Geschäfts von Alstom durch General Electric. Macron würde das gerne vergessen machen.

    Zu den besten Kunden von GEAST gehört ausgerechnet Rosatom. 40 bis 50 Prozent der Aufträge gingen zuletzt auf das Konto der Russen. Es wäre also nicht ganz aus der Luft gegriffen, den Damen und Herren aus dem Osten einen Anteil an GEAST anzubieten. Nur dass 14 Tage später Russland einen Angriffskrieg auf die Ukraine begann.

    Nun mag sich Wirtschaftsminister Le Maire nicht mehr zu Rosatom äußern. Auch EdF „möchte die Gerüchte um einen möglichen Einstieg von Rosatom nicht kommentieren“. Generell sei anzumerken, dass „jegliche künftige französisch-russische Kooperation auf dem Gebiet notwendigerweise von der Entwicklung der geopolitischen Situation abhängen wird,“ lässt das Unternehmen wissen.

    Ein anderes Kooperationsprojekt mit Rosatom liegt laut EdF derzeit auf Eis. Es betrifft Framatome, seit 2018 ein Tochterunternehmen von EdF und unter anderem für die Herstellung von Kernbrennstoffen und die Instandhaltung von Kernkraftwerken zuständig. Noch im November 2021 hatte Framatome mit Rosatom die Verlängerung eines ursprünglich 2017 unterzeichneten Abkommens vereinbart, in dem es um die gemeinsame Entwicklung von Brennstoffen und leittechnischen Systemen geht. „Dieses Abkommen besteht, aber bis zum heutigen Tag wurde kein einziges Projekt aufgenommen,“ teilt EdF mit. Das Unternehmen verfolge „die Situation“ aufmerksam und werde Entscheidungen auf Basis der „Evolution des Konflikts“ treffen.

    Damit sind die Franzosen weniger streng mit ihrem russischen Kooperationspartner als die Finnen, die gerade einen mit Rosatom geschlossenen Vertrag über den Bau eines Atomreaktors russischer Bauart im Norden des Landes mit sofortiger Wirkung lösten. Aber es ist auch mehr als zahlreiche französische Unternehmen leisten, die sich wie die Supermarktkette Auchan oder die Baumarkt-Dynastie Leroy Merlin einem Rückzug aus Russland widersetzen.

    Einem französischen Minister würde es wohl auch nicht in den Sinn kommen, stolz das Bild eines russischen Transportflugzeugs auf Facebook zu posten, das – trotz der Sperrung des europäischen Luftraums für russische Flugzeuge – auf einem Heimatflughafen landet. Ungarns Außenminister Peter Szijjarto machte das im April, als Kernbrennstoff aus Russland eintraf. Zuvor war bereits eine Lieferung in der Slowakei eingetroffen.

    Aber auch Frankreich bezieht Uran aus Russland. Nach rund zehn Jahren Pause hatte der inzwischen von Areva in Orano umgetaufte französische Atomkonzern 2020 erneut einen Vertrag mit Rosatom über die Lieferung von abgebrannten Brennstäben nach Russland unterzeichnet. Wie Orano der WirtschaftsWoche auf Anfrage mitteilte, sollten sie nach Seversk in Sibirien verbracht werden. Dort unterhalte Rosatom eine Fabrik, in der die Atomabfälle so aufbereitet und wieder angereichert werden könnten, dass die recycelten Brennstäbe in den Reaktoren von Rosatom zum Einsatz kommen können.

    Ein Grund für die Wiederaufnahme der Exporte sei der Preisanstieg für angereichertes Uran gewesen, so Orano. Der Spotpreis betrage mit 40 Dollar pro Pfund doppelt so viel wie noch vor drei Jahren. Weltweit könnten 75 Reaktoren das wiederaufbereitete Uran (URT) verwenden und somit Ressourcen sparen. Der französische Energieversorger und Atomkraftwerk-Betreiber EdF wollte demnach ebenfalls ab 2023 URT für die vier Reaktoren in der Anlage im südlichen Cruas verwenden und ab 2027 in allen 1300-Megawatt-Reaktoren. Der Anteil des französischen Stroms, der mit Hilfe von recyceltem Material produziert wurde, sollte so von 10 auf 20 Prozent gesteigert werden.

    Den offiziellen Angaben zufolge kam es aber bisher nicht dazu. Seit Ende Februar, also mit Beginn der russischen Angriffe auf die Ukraine, wurden laut Orano die Atomtransporte in beide Richtungen eingestellt. Dem Unternehmen ist daran gelegen, auf seine „sehr geringen“ Aktivitäten mit Russland hinzuweisen. In den Auftragsbücher nehme Russland lediglich 0,1 Prozent ein.

    Lesen Sie auch: Das Wirtschaftsmodell Macron schwächelt

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    Author: Madeline Richardson

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